Premiere


Alles fing mit meiner Mutter an. Damit soll es nun auch enden.

Diesen Blog, den ersten meines Lebens, eine Premiere, habe ich meiner Mama gewidmet. Sie war eine tolle Frau mit Ecken und Kanten. Mein Wunsch, daß sie unsere heutige Premiere noch sehen kann , ging nicht in Erfüllumg. Wie so vieles. 

Friedrich, die Hauptfigur unserer heutigen Premiere, hat einen Wimpernmonolog, in dem er sich für jede Wimper, die ihm ausfällt, etwas wünscht. Es gibt diese Rituale…z.B. wenn einem eine Wimper ausfällt oder wenn man im Theater Premiere hat. Das Theater ist ein verwunschener Ort, der gerade an Premieren nur so von Flüchen und Wünschen wimmelt. Man “ spuckt“ sich drei mal über die linke Schulter, der Bewünschte darf auf gar keinen Fall “ Danke “ sagen, Schauspieler klopfen drei mal auf den Bühnenboden bevor sie auftreten oder nach ihrem letzten Abgang. 

Premieren sind insofern ein Kraftakt, weil diese einem die Endproben bereits geraubt hat und weil alle wollen, daß es ein guter Abend wird. Da schießt man leider gerne mal übers Ziel hinaus. Ich liebe die Ruhe der 2. Vorstellung. Wenn nach der Aufgeregtheit der Premiere klar wird, daß es sich “ nur“ um Theater handelt. Wenn man sich wieder in die Augen schaut und nicht danach, wem man noch nicht “ Glück“ gewünscht hat.

Am kommenden Montag, wenn meine Mama beerdigt wird…ein merkwürdigs Wort…B E E R D I G T…werden auf ihren Wunsch alle Enkel am Grab ein Konzert geben. Das wird ein Kracher. Das wird lebendig sein. Das wird elend traurig sein.

Meine Lieblingsregisseurin Heike M. Götze sagt mir immer:“ Geh dahin, wo die Angst ist, denn da sitzt die zärtlichste Kraft.“

Das will ich heute Abend tun. Vergessen, daß ich spiele. Sein. Ganz und gar und dann abfeiern. Wenn Premieren sind, endet auch immer etwas. Der Probenprozess. 

“ Also, aufs Leben! Sie schaffen das! Sie sind doch noch jung!“

1. Hauptprobe für die „Leiche“#ubermeineleiche#schauspielbochum


Im Theater gibt es merkwürdige Parallelwelten. Die Uhren der Selbstverständlichkeiten ticken anders als in “ der Welt da draußen“. Wenn wir ein Stück proben haben wir dafür im Schnitt 7-10 Wochen Zeit. Das meint Mo.- Fr. jeden Morgen von 10-15 Uhr und am Abend…sofern keine Vorstellung für Dich ist…..18-22.45 Uhr. Am Samstag wird am Vormittag 10-15 Uhr geprobt. Hui denkt da der Mensch in “ der Welt da draußen“. Das alles wäre easy, wenn es nicht so wäre, daß wir erst am Vortag erfahren was und wann wir proben. Eigentlich muß das bis 14 Uhr auf dem digitalen Probenplan stehen. Aber zunehmend lesen ich dann “ Probe nach Ansage für die Beteiligten“! Also bekommen wir SMS- en von der Regieassistentin. Die beginnen in unserem Fall immer mit“ Liebes Leichenensemble“ oder “ Liebe Leichen“. Ich liebe ihn trotzdem, meine Beruf als Schauspielerin.

Heute Morgen haben wir erste Hauptprobe. Ich muss um 8.35 Uhr in der Maske sitzen. Mia, meine Maskenbildnerin , klemmt, kämmt, onduliert und schminkt mich mit ähnlich müden Augen wie meinen. Sie beherrscht ihr Handwerk so gut, daß ich die Maske als wache, attraktive und begehrenswerte Mutter verlasse. Danke, Mia.

10 Uhr proben wir nochmals den Schluss. 11.30 Uhr steigt die Spannung, denn der Ernstfall….die Premiere…wird simuliert. Was in Anbetracht der Uhrzeit natürlich ein Witz ist. Der Anfang und das Ende eines Abends sind entscheidend. Nimmst Du die Zuschauer nicht vom ersten Moment an mit, verstreicht Szene um Szene bis alle eingestiegen sind. Mit dem Eindruck des Endes eines Abend schickst Du die zahlenden Betrachter nach Hause. Sie sollten ein Gefühl, einen Satz, ein Utopie, ein Thema, eine Idee mit sich nehmen können. 

Ich habe mich schon oft gefragt, wie man es schafft, in der künstlichen Welt des Theaters , Abbilder der Realität zu schaffen. Abbilder, die unvergesslich bleiben. Magie! Wenn Theater das Kind im Zuschauer wach küßt, das Zeit und Ort vergißt und dann alles sein kann, was es will….in seiner Phantasie ! Durch Sprache…wie man einen Text transportiert, wie man einen Text denkt  und ihm dadurch eine eigene Bedeutung gibt, die ein Bild erzeugt. 

Hier nun noch ein Loblied auf die vornehmlich weiblichen Geister der Sprache: die Souffleusen! Sie sitzen in jeder Probe hinter dem Textbuch, können das Geschehen aus der Sicherheit des mittleren Platzes in der ersten Reihe beobachten, lesen mit, helfen  uns Schauspielern , müssen verstehen, wann der Schauspieler  seinen Text nicht weiß und wann er eine Pause macht. Sie wissen, wie es uns geht. Aber sie warten ab. Bei wiederholten Texthuddeleien kommen sie und geben  Gedankenstützen. Mal stimmt die Zeitform  des Verbes nicht, mal hat die Reihenfolge von Aufzählungen eine Steigerung, mal wird eine geschrieben Pause im Text nicht bedacht. Ich liebe es, mich im Halbdunkeln neben sie zu setzen, einfach weil es mir Geborgenheit gibt, die außer der Souffleuse und mir niemand sieht. Dann flüstert es neben mir, die Lösung für die nicht geknackte Szene, nur ein Wort, ich kann zurück in die Ausgestelltheit des Bühnenlichtes, ich kann wieder im Regen tanzen. DANKE!

Goldschürfer oder Ich habe es nicht bereut. Und es tut mir leid, daß ich es nicht bereue!#ubermeineleiche#schauspielbochum

Hätte mir jemand ein Buch zu lesen gegeben, in dem in etwa mein Leben der letzten 5 Monate erzählt worden wäre, ich hätte es wegen fehlendem Realismus abgebrochen. 7 Geschichten in einer. Man hätte 5 Bücher drucken können. Aber so ist es leider nicht!!!!!!

Ich bin unendlich müde. Mein Kopf platzt vor logistischer Höchstleistung. Für das Gefühl der Sorgen gibt es keinen Raum. Sie sind einfach da. Es tut nicht mehr weh.  Ich weiß, daß der Schmerz da ist, aber ich kann ihn nicht fühlen. 

So stolpere ich jeden Tag auf die Proben. Immer auf den letzten Drücker. Aber immer mit viel Streitlust…oder dem triebhaften Glaube eines Goldschürfers, heute etwas Brauchbares im Sieb zu haben.  Theaterproben können so mühsam wie Goldschürfen sein, aber auch  dieselben Glücksgefühle erzeugen. Unsere erste AMA ( Alles Mit Allem…. meint in den Orginalkostümen und Maske ) am Dienstagmorgen war eine glatte Bauchlandung.  Wir hatten uns voll vergaloppiert.  7 Wochen am Fluss das Sieb gespült und gerüttelt und dann doch nur Kieselsteine gefunden, die wir fälschlich für Gold hielten. Ich weiß nicht was Schauspieler und Goldschürfer in ihrem unbeirrbaren Glauben, weiter zu machen, eint, aber selbst die Technik Crew war gerührt von der imense Kraftanstrengung der letzten 36 Stunden, das ganze Stück ab zu klopfen, Ideen zu hinterfragen und aus zu sortieren ( kill your darlings ), Kostüme zu ändern und die aufflammende Verzweiflung in Wut und Kraft um zu wandeln, die Zähne zusammengebissen, sich die Haare raufend , Tränen im Augenwinkel, aber nicht aufgeben zu wollen! Daniel spendierte…woher auch immer…Magnum Eis für alle kurz vor Mitternacht!!!!!

Im Theater proben wir Stücke, die politische, gesellschaftliche…eben menschliche Probleme thematisieren. Die Künstler der Theateranstalten sind da oft sehr forsch in ihren Interpretationen. Da gilt es, dem Publikum mal den Spiegel vor zu halten!!!! ABER hinter den eigenen  Kulissen benehmen sich die Macher schlimmer als die Figuren , die die Spiegelhalter der Inszenierung sein sollen. 

Am Abend steht ein Mann im schwarzen, zu engen Trainngsanzug vor unserem Theater und raucht.

Ik heb er geen spijt van. En het spijt me dat ik er geen spijt van heb’.

PERSONAL: Dramaturg#ubermeineleiche

Ausnahmeeinfälle und Einnahmeausfälle

 

OLAF KRÖCK

CHEFDRAMATURG

*1971 in Viersen. Studium der Angewandten Kulturwissenschaften und ästhetischen Praxis an der Universität Hildesheim, dort auch wissenschaftlicher Mitarbeiter am Institut für Medien- und Theaterwissenschaft und Leitung des internationalen studentischen Austauschprogramms. 2000 Künstlerische Leitung des 3. europäischen Theaterfestival transeuropa in Hildesheim. Dramaturg und Regisseur am Stadttheater Hildesheim. 2001-2004 Schauspieldramaturg und künstlerischer Leiter der Experimentierbühne „UG“ am Luzerner Theater bei Barbara Mundel. 2005-2010 Dramaturg am Schauspiel Essen während der Intendanz von Anselm Weber. Während dieser Zeit inszenierte er die Hörspiele „Deadline“ von Rimini Protokoll (2008) und „Flüchtlinge im Ruhestand“ von Mirjam Strunk (Ursendung 2010 bei 1Live/WDR). Seit 2010 Dramaturg am Schauspielhaus Bochum, seit der Spielzeit 2013/2014 Chefdramaturg. 2013/2014 entwickelte er als Künstlerischer Ko-Leiter das internationale „Das Detroit-Projekt“ maßgeblich mit. 2017/2018 wird er als Intendant der Interimsspielzeit das Schauspielhaus Bochum leiten.
Zum Dramaturgen muß man Talent haben!
Der/Die beste Dramaturg/in ist für mich der/die, der/die immer da ist, wenn überhaupt , dann zum richtigen Zeitpunkt , wenig sagt, das aber einschlagend. Einer/Eine, der/die Fragen stellt. Einer/Eine, der/die eine eigene Meinung hat, ohne sie ständig vor sich her zu tragen. Eine Eminenz auf Augenhöhe!!!!!!
Der Dramaturg ist oft arm dran, sitzt unbequem zwischen allen Stühlen und wird nur selten gelobt. Wenn es ein Erfolg wird, ist es nicht wirklich seiner, floppt es, hätte er besser aufpassen müssen.
Als ich Anfängerin in Hamburg war, bekamen wir für jede Produktion eine fette Mappe mit Sekundärtexten zum Stück. Das gibt es heute kaum oder gar nicht mehr…vielleicht liegt es am Umweltschutz ( savethetrees ) , an mangelnder Zeit seitens der Dramaturgen, (die ja heute mehr Eventmanager,  Theatercodirektoren und/oder Buchautoren sind )  oder am fehlenden Interesse der Konsumenten ( zu faul und/oder zu dumm ) dieser tagelangen Arbeit für eine solche Mappe. Ich habe sie geliebt und beim Studieren dieser Schriftstücke immens viel gelernt . Wieder etwas, was in der „guten alten Zeit: anno dazumal “ geblieben ist.
Ich bin gerne in Produktionen mit klugen Dramaturgen.
Olaf hat mein Herz erobert, als er es mit Theaterberserkern wie Jan Klata aufnahm. Der Herr Kröck, wie ich ihn nenne, seit er mit Thomas Laue die Technikshow beim Eröffnungsfest in Essen als Herr Kröck und Herr Laue moderierte, hat eine sehr humorige Sicht auf die Dinge des Lebens und seine Mitstreiter. Seine  Qualität ist das Prinzip der größtmöglichen Offenheit. Bestimmt aber fair.
Daß der Sohn des Herrn Kröck, Lauri heißt, kann ich mir ans Revers stecken….einer tollen Regisseurin, Stephanie Sewella, und einem zauberhaften Theaterabends in der Heldenbar des Grillotheaters sei dank.
Mögen die Wolken vorüberziehen und freie Sicht auf die Dinge geben!

Solange wir noch leben, hoffen wir


Seit Donnerstag sind wir auf der Bühne des TUT. Nun sind Christian, Maic und Daniel zu unserem ständigen Team gstoßen. Das ist die Technikcrew des TUT….die “ Männer unter Tage“. Sie sind die guten Geister, die Ahnung von Statik, Spannstärkenberechnung, Licht, Sound und Sensibilität für künstlerische Arbeit auf engstem Raum haben. Da wir ein recht Frauen lastiges Team sind, tun die drei Männer unserem “ Friedrich “ ganz gut.

Mit jeder Produktion , die ich am Theater erprobt habe, stand am Anfang immer die Hoffnung. Die Hoffnung, einen unvergleichlichen Abend erzählen zu können. Das richtige Stück mit der unfehlbaren Interpretation. Eine Conglomerate aus Regie, Bühne, Kostüm, Dramaturgie und Schauspielern an dem jeweiligen Ort zu eben jener Zeit. “ Alle 7 Jahre gelingt ein Wurf, der Geschichte schreibt“ sagte Marcus Boysen in Hamburg zu mir. Pah! Ich war Anfängerin am Schauspielhaus Hamburg und von der Ernst Busch Schule in Berlin kommend, wollte ich das Theater revolutionieren.  Das Leben am Theater hat mich gelehrt, daß der Boysen recht hatte. 

Trotzdem gehe ich noch immer voller Hoffnung in jede Produktion.  Denn, “ solange wir leben, hoffen wir“! Fehler sind dazu da, gemacht zu werden. Man sollte daraus lernen, aber sich nicht altklug Wege verbauen. Im Scheitern liegt ja auch immer eine Chance! So spielen zu können, daß man die Verantwortung vergißt, ist ein großes Geschenk, daß gute Regisseure Schauspielern geben müssen. 

Die ersten Anproben für die Kostüme finden statt. Aus der Theorie wird Realität. Zum Anfassen und riechen. Apropos : Für fast alle meinen Theaterfiguren habe ich einen Duft. Den trage ich in den letzten Probentage und bei jeder Vorstellung. Für meine Mutter in “ Über meine Leiche“ wird es Tosca werden. 

In 3 1/2 Wochen ist Premiere! Die Zeit rast! “ Kaum fângt man an, schon ist es vorbei.“ ( Kasimir ind Karoline )