Tumor ist, wenn man trotzdem lacht! #übermeineleiche


Mein Papa weigert sich, Vollmachten und Verfügungen für seine Unzurechenbarkeit auszufüllen. Ich denke, er glaubt, daß er sofort dahinsiecht, wenn es das tut. Meine Mutter ist ihm dafür sterbendes Beispiel. Letzte Woche haben wir alle noch wichtigen Dinge erledigt. Nun findet selbstbestimmtes Sterben statt. Ich bin zerissen zwischen dem Wunsche, daß meine Mama schmerzfrei “ gehen “ kann und der Sehnsucht nach meiner Mama, die mich jetzt schon überflutet. Die Vorstellung, nicht mehr mal eben bei meinen Eltern auf einen kleinen Plausch mit meiner Mama anrufen zu können. Nur mal kurz fragen, welche Gemüsesorten sich im Gewächshaus “ nicht grün“ waren. Wann und wieviele Zimmer für unseren alljährlichen Großfamilienherbsturlaub zum Harz-Gebirgs-Lauf in Wernigerode gebucht sind. Das tut soooooooo weh!!!!!!!!!

Ist ein Mann beim Arzt. Der Arzt sagt: “ Ich habe zwei schlechte Nachrichten für sie. Die erste ist, sie haben Krebs. Die zweite ist, sie haben Alzheimer. “ Darauf sagt der Mann: “ Na, Gott sei dank kein Krebs.“ ….ja, meine Eltern haben gelacht!!!!!!!

Heute haben wir auf der Probe die Szene geprobt, wo Friedrich zum Lachyoga geht. Über Alexandertechnik, Oshomeditation und Yoga nähern wir uns. Unwissen, Ungeduld, Angst, Scham und Schamlosigkeit saßen mit uns am Tisch. Alle mußten mitmachen. Wer nicht wollte, hatte dringend was zu erledigen. Nur Zugucken gab es nicht. Die Proben sind voller Überraschungen! Für Anne, die immer super vorbereitet an die Szenen herangeht und sich trotzdem von uns verführen läsßt.  Für uns alle, die wir uns durch lange Gespräche näher kommen. Für mich, weil ich das Leben in dieser Traumwelt vergessen kann.  Wir haben kleine Ideenboote, die wir noch in eine gute Flottenformation bringen müssen. Nächste Woche sind wir bereits im TUT , auf der Orginalbühne. Die Zeit rast! Anna schleppt Mengen von Stoffen, Hemden, Kimonos und Schuhe zum Ausprobieren heran.  Doro hat Heinzelmännchen, die Nachts in den Werkstätten kleben, schrauben und löten. Der Text ist gelernt und muß nun so in den Kopf und ins Maul, daß er einem zueigen wird.

Ich freue mich auf die Probe morgen.

Probenwoche 3: in effigie


Dieses Foto von E. Carucci begleitet mich und meine Mutterfigur von S. Hornbach. Ich fand es im Magazin der Süddeutschen. Es stellt genau das dar, was Friedrichs Mutter beschäftigt:“ Der soll endlich irgendwas mal so richtig machen. Der muss das doch überleben, das muß der doch um Himmels Willen wenigstens, wenigstens das muß er doch irgendwie mal hinkriegen.“! Ich liebe dieses Bild.

Söhne und Mütter sind nicht erst seit Ödipus eine sich anziehende und abstoßende Notgemeinschaft der Natur. Soviel Angst, Liebe, Hass, Verzweiflung und Ratlosigkeit verbindet dieses Menschenkonstrukt. Deshalb ist es literarisch so spannend. Hornbach hat herrliche Sprachbilder für die Mutter erfunden. Sie sind schwer zu lernen, obwohl sie mir so bekannt sind. Ich kenne diese Form von zynischer Selbsterkenntnis über Mutterliebe während des Sprechens. Ähnlich wie bei Kleists “ Über die allmähliche Verfertigung der Gedanken beim Reden“. Während die Mutter versucht den Schmerz weg zu plaudern, bricht er aus ihr heraus. Im Wegplaudern.

Ich bin seit 3 Tagen wieder zu Hause…bei meinen Eltern. Ich sitze am Kamin, und probe “ in effigie“ , indem ich versuche Text zu lernen, während der nunmehr kleine Körper meiner Mama, zusammengerollt , von Schmerzen gewälzt, auf dem Sofa versucht zu schlafen. Daneben liegt Moritz, der Kater meiner Eltern. Tiere spüren schnell, wenn etwas nicht mehr im Lot ist. Wie ähnlich sie sich geworden sind.

Austherapiert! 

Morgen werden meine Mama, mein Papa und ich das Naturgrabfeld auf dem Südfriedhof meiner Geburtsstadt besuchen. Meine Mama will sehen, wo sie bald begraben wird. Ich habe das mal in dem Film “ Halt auf freier Strecke“ von A. Dresen gesehen. Da besucht Frank ein Bestattungsunternehmen, um seine eigene Beerdigung ab zu sprechen. Eine skurriele Szene, die für mich schneller Realität wird, als mir lieb ist.  Es ist so schwer, sich mit der eigenen Sterblichkeit abzufinden. Es ist so schwer in Frieden zu gehen. Ist dann alles “ in effigie“?

Ende Probenwoche 2: Der Lebensvertrag

Wenn wir geboren werden, schließen wir einen Lebensvertrag ab. Da in dem Wort des Vertrages aber nie die Rede vom Sterben ist, blendet man diesen Teil tunlichst aus. Wenn man krank wird, ist das ja nicht der Tot, sondern nur eine andere Art zu leben. Wir versuchen halt immer, dem Tot von der Schippe zu springen. Das ist heldenhaft! Um welchen Preis ist dabei egal, denn es gibt am Punkt der Entscheidung immer nur diese eine Chance. Den Beweis, daß der andere Weg besser gewesen wäre, wird es nie geben. Es sind Einzelschicksale!  Immer! Keiner kann einem die Entscheidung abnehmen. Wir können nur Entscheidungen mittragen. Wenn es darum geht, eine Chemo zu machen, sagt man Dir die möglichen Nebenwirkungen, aber immer mit der Betonung auf MÖGLICHEN! Wenn Du die Chemo absetzen willst, wird ein Horrorszenario gezeichnet…nach dem Motto klippenhafter Absturz ohne und seicht abfallendes Gelände mit Chemo!  Na, für welchen Weg würden Sie sich entscheiden, wenn dann noch von MÖGLICHEN NEBENWIRKUNGEN gesprochen wird?

Genau wie im Leben, sind Anfang und Ende einer Inszenierung, die schwierigsten Parts. Oft werden sie bis zum Schluß aufgespart, weil man auf eine Eingebung und ein Wunder hofft. Wir haben eine Ahnung von unserem Anfang….nur noch nicht, wie wir es hinbekommen. Also stochern wir im Trüben. Aber wir haben Witterung aufgenommen. Fehler sind dazu da, gemacht zu werden. Wobei wir da bei Hornbachs herrlichen Verhörfehlern sind. Auch sie halten uns und Friedrich, die Hauptfigur, am Leben. In grenznahen Momenten kann man sich beim Leben selber zusehen. Wir können Bekloppte, Schwule, Verliebte, Mörder, Huren oder Diktatoren darstellen…aber wie spielt man einen Sterbenden oder mit dem Tot kämpfenden? Wie die Mutter von einem jungen Menschen, der mit dem Leben ringt, statt in Marokko mit Pin für die Kreditkarte? 

Ich hatte heute Abend Vorstellung. Eine Kollegin fragte, kommen die Themen von Inszenierungen zu uns oder wir zu ihnen?

Ich bin eine Woche von den Proben befreit worden, denn ich brauche Zeit für meine Mama. Es gab “ bad news „.

Als meine Schwiegermutter starb, waren unsere Kinder 3 , 8 und 13 Jahre alt. Zur Trauerfeier durften sie anziehen, was sie wollten. Der 3-jährige kam im Chelsea-Schlafanzug, weil der so gemütlich war! 

Probenreport 4.4.17 #ubermeineleiche


“ Mama nennt mich Schlumpf, weil ich so eine Mütze trage, wenn ich das Haus verlasse. Im Wald , ganz alleine, mal abgesehen von dem Hund. Ich nehme den Hund nur mit in den Wald, weil er nicht spricht. Der Hund ist ein Mädchen und hat einen Namen, ich nenne ihn aber Hund. “

Omnis cellula e cellula…..Jede Zelle entsteht aus einer Zelle! Es ist nicht richtig, wenn ein Kind vor seinen Eltern stirbt. Die Familie ist die kleinste Zelle der Gesellschaft. Jede Gesellschaft hat ihre Gesetze. Aber nach welchen Gesetzen existiert KREBS?

Wieso heißt diese Königin der Krankheit schnöde KREBS? Weil sie so aussieht! Warum weiß man doch schon so viel aber immer noch zu wenig über sie, dafür, daß sie seit tausenden Jahren bekannt ist? Mutationen! Wie in Gesellschaften! Es kommt zu Mutationen! Resistenzen! 

Wir tasten uns vorsichtig an das Medium Text heran. Es gilt mit Achtsamkeit Umgangssprache oder ein Mundgerechtmachen der Hornbachworte zu umschiffen. Jetzt ist alles noch offen. Fantasieräume werden durch Untertexte eröffnet. Sag mal“ Geh weg!“ -mein aber “ Bleib da!“ . Das Unterbewußtsein….dahin kommen alle Unruhestifter. 

Muss eine Figur vorlaut und unhöflich gespielt werden, nur weil das über sie im Stück gesagt wird? Was sehen Söhne in Müttern? Kann man den Krebs personifizieren? Oder ist Krebs auch nur ein Wort?  RAUMFORDERUNG !

Anne schlägt vor, jeder soll morgens eine seiner Lieblingsmusiken auf der Probebühne abspielen. Noch besser wäre, gemeinsam singen, denn: Wo man singt, da laß Dich nieder! Böse Menschen haben keine Lieder!

PERSONAL: Die Schauspieler#ubermeineleiche

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​Als ich am ersten Tag zur Leseprobe, vor einer Woche, durch die Bühnenpforte, nicht die Engelspforte!!!!, das Theater betrat, saß diese kleine, scheinbar kranke Maus auf den Stufen davor. Sie schien nichts mehr zu verlieren zu haben, denn sie war unverhältnismäßig nahbar. Ein Kater hätte all zu leichtes Spiel gehabt.
Diese Maus wird meine Stückmaus sein. Es kommt nämlich immer auf die Sichtweise an. Kater oder Maus? David oder Goliat? Schauspieler oder Regiesseur? ( Wobei die Reihenfolge nicht maßgeblich ist! )

Karolina, Matthias und ich, wir werden die Rollen, die Steffan Hornbach in “ Über meine Leiche“ erfunden hat , zum Leben erwecken. Wir werden das so machen, wie nur wir es können. Die Sehnsucht eines Künstlers ist ja immer, unverwechselbar zu sein und trotzdem der Idee der Figur, der Geschichte und der Regie gerecht zu werden. Das ist im besten Fall Sisyphusarbeit.

Als Steffan bei der Leseprobe war, fragte ich ihn, welche Gefahr seinem Stück inne wohnt. Er antwortete, die, eine schlechte Zeit mit ihm( dem Stück) zu haben! Er weiß, wovon er spricht, wenn es um gelebte Zeit geht.

Heute haben wir , nach einer Woche Lesen, Diskussion, DVD gucken, Zeit gemeinsam verbringen, im Probebühnenbild die ersten Schritte in Probekostümen gemacht. Text lernen, Ideen wälzen, Beobachtungen ein – und aussortieren, Fehler machen, Lachen, Stutzen, Blöd sein…all das bestimmt nun meinen Probentag. Ich liebe diesen Beruf! Ich kann mir keinen besseren Beruf vorstellen! Es ist ja nie so, wie es scheint. 

PERSONAL: Kostüm#übermeineleiche

WENN DIE KRANKHEIT VERZWEIFELT IST,
KANN EIN VERZWEIFELT MITTEL
NUR HELFEN,
ODER KEINS.“

W. Shakespeare “ Hamlet“

Vor einigen Jahren probten wir Shakespeares “ Hamlet“ unter der Regie von Jan Klata. Die Theaterleitung sah 8 Tage vor der Premiere einen gewöhnlichen Durchlauf des Stückes….mit Entsetzen. So könne das nicht raus, das würde den Intendanten den Kopf kosten. Klata ging auf den folgenden Proben unbeirrt seinen Weg weiter. Wir standen hinter ihm. 3 Tage später sah die Leitung wieder einen Durchlauf. Das Konzept war gleich geblieben, aber wir trugen unsere Orginalkostüme. Die Leitung war begeistert. Das hätte sie ( die Leitung ) gut hinbekommen!!!!!

Das war für mich ein Paradebeispiel für die Strahlkraft von Kostümen.

ANNA MARIA
SCHORIES
KOSTÜMBILDNERIN
*1986 in Hamburg. Nach einer Ausbildung zur Damenmaßschneiderin und Hospitanzen am Thalia Theater, Schauspielhaus Hamburg und Schauspiel Köln studierte sie Kostümbild an der Toneelacademie Maastricht/Niederlande und an der National Academy of Arts in Sofia/Bulgarien. Während des Studiums entwarf sie die Kostüme für das Musikvideo „Wir warten“ der Band Fehlfarben sowie für den Film „Erste Liga“ (Filmakademie Baden-Württemberg, Regie: Justus Becker). In der Spielzeit 2012/2013 und 2013/2014 war sie feste Kostümassistentin am Schauspielhaus Bochum und hat hier auch erste eigene Kostümbilder für Produktionen entwickelt.

Anna kam, blieb und ging selbstbestimmt an und vom Schauspielhaus Bochum. Sie arbeitete zwischen München , Hamburg und Berlin. Anna kann ihren Beruf von der Pike. Anna kann Figurinen zeichnen, daß man den Stoff schon rascheln hört. Anna ist neugierig, lustig, sinnlich, versponnen und von höchster Professionalität….eben ein Traum für unsere Produktion.

Eine Kostümbilnerin kommt einem während der Anproben sehr nah. Das bedarf einer besonderen Sensibilität. Vorteile erkennen und verstärken. Nachteile kaschieren. Bei den Proben studiert sie Dich…wenn sie gut ist! Sie verfolgt Fehler und Mißgeschicke des Schauspielers bei den Proben und kann bei Bedarf behilflich sein, sie in die Kostümidee zu integrieren. Sie ist Adapter zwischen Schauspieler und Figur. Sie macht ihre Idee des Kostümes paßgenau für den Schauspieler und seine Figur.

Es war nicht nur mir ein großer Wunsch, Anna an unserer Seite zu wissen. Danke Stephan!!!!!!!!!!!!

Ich würde mich riesig freuen, wenn meine Mama diese Mutter aus „Über meine Leiche“ sehen könnte. Meine Mama liebt Konzerte und Theater. Als Kind nahm sie mich immer zu Konzerten in den Magdeburger Dom mit. Dafür hatte sie eigens ein Paar  sehr schöne , schwarze, hohe Wildledersandalen. Dazu trug sie eine wärmende wollweiße Stola und ein Täschchen für die Gaderobenmarke und ein 4711-getränktes Taschentuch. Ich liebte diese Abende in fast erwachsener Zweisamkeit mit meiner Mutter.

Ich benutze heute für jede meiner Bühnenfiguren ein eigenes Parfüm.

PERSONAL: Bühne#ubermeineleiche

DOROTHEA
LÜTKE WÖSTMANN
BÜHNENBILDASSISTENTIN
*1986 in Meschede. Nach einer Ausbildung zur Glaserin schloss sie 2013 ihr Studium zur Diplom-Ingenieurin für Innenarchitektur an der Hochschule RheinMain in Wiesbaden ab und entwirft seitdem eigene Bühnenbilder u. a. für die HfMdK Frankfurt, das Theater Duisburg, das Prinzregent Theater Bochum und die Folkwang Universität der Künste in Bochum. Seit Januar 2014 ist sie als Bühnenbildassistentin am Schauspielhaus Bochum engagiert und entwickelte auch dort zahlreiche eigene Bühnenbilder.

Das Theater ist ein magischer Ort. Hier wird gemordet, gestorben, gehurt, geliebt, gehaßt, gesungen, geboren, geboten, geschlagen und geküßt.

Leben…wie auch immer.. darstellen.

Die größte Illusion dabei ist der Raum. Das Bühnenbild.

Jahreszeiten, Tageszeiten, Geographie, Farben, Licht, Innenraum/ Außenraum können sich in Minuten verändern. Sie geben die stärkste Setzung für die Inszenierung. Oft werden Regie- und Bühnenbildnerteams zusammen berühmt. Marthaler und Viebrock, Gosch und Schütz oder Thalheimer und Altmann.

Jetzt Liebtrau und Lütke Wöstmann, die bei mir immer Anna und Doro bleiben werden.

Doro hat fabelhafte Bühnenbilder für “ Lampedusa“ und “ Finnisch“ gebaut.  Vom Entwurf bis zur Premiere vergeht ein ganzes Jahr. Am 25.5.17 werden wir sehen, wie wir uns diesen Dororaum zueigen gemacht haben.

Räume betreten, verlassen….hinübergehen, mal rüber gehen, komme mal rüber…alles Bewegung im Raum..im Lebensraum.

Du bist nicht von uns gegangen. Du bist nur vorgegangen.

Beliebter Satz in Todesanzeigen.